Corporate Culture – Home & Office. Gelebt statt nur genehmigt

Homeoffice nur mit Genehmigung
Lesedauer: 6 Minuten

Während des Lockdowns in der ersten Corona-Welle blieben viele Unternehmen dank Homeoffice arbeitsfähig. Inzwischen sind wir mitten in der zweiten Welle. Damit bleibt das Thema Homeoffice im wahrsten Sinn virulent. Wenn die Pandemie hoffentlich bald überstanden ist, wird Telearbeit sich flächendeckend etabliert haben und dauerhaft eine wichtige Rolle spielen. Homeoffice muss sich dann auf der Langstrecke bewähren. Wie gut das in den einzelnen Unternehmen gelingt, ist letztlich auch eine Kulturfrage.

Wird Homeoffice gelebt oder bloß genehmigt? Wie hat sich die Organisation darauf eingestellt? Wie werden Arbeitgeber mit (und Arbeitnehmende im) Homeoffice glücklich? Das variiert von Fall zu Fall, jedoch scheint es einige Konstanten zu geben:

Diskussionen in Sozialen Netzwerken zeigen, etwa auf LinkedIn, dass Homeoffice-Regelungen fair und nachvollziehbar sein sowie allen zugutekommen sollten. Doch schon darüber, ob es ein Nachteil sei, in der Firma zu arbeiten, und wie das ggf. auszugleichen wäre, gehen die Meinungen auseinander.

Gerechtigkeit erweist sich hier als zu kurze Bettdecke: Zieht man am einen Ende, fehlt es am anderen. Deshalb sollten nach Möglichkeit alle Mitarbeiter frei wählen können, wann sie von wo aus arbeiten. Folgerichtig mitverantworten sie auch die daraus resultierenden Anforderungen.

Ohnehin sind die Beschäftigten* am zufriedensten, die selber mitbestimmen und wählen können, wie oft sie in der Firma und wie oft sie von zu Hause aus arbeiten. Dem kommt der Trend zu hybriden Lösungen mit flexiblen Präsenz- und Homeoffice-Tagen entgegen. Die Wahlmöglichkeit verdient den Namen freilich nur, wenn im Home tatsächlich Office möglich ist.

Wer mehrere Tage die Woche zu Hause arbeitet, braucht einen gut ausgestatteten, ergonomisch vernünftigen Arbeitsplatz – sofern zu Hause Platz für die Arbeit ist. In vielen Wohnungen fehlt der Raum für ein Arbeitszimmer. Gerade Nachwuchskräfte wohnen oft noch beengt, und nur wenige könnten in größere, teure Wohnung umziehen – sofern überhaupt eine zu finden ist.

Arbeitswege und Pendelfahrten werden sich reduzieren, aber nicht komplett wegfallen, da viele Unternehmen hybride Lösungen in Kombination mit Präsenzarbeit anstreben. Die Arbeitsumgebung in der Firma ist deshalb nicht obsolet. Sie wird ihren Charakter verändern.

Die Büros der Zukunft werden weniger Arbeitsplatz als ausgeprägter Kommunikationsort sein. Als Stätten der Begegnung und Interaktion werden sie auffangen, was im Digitalen noch nicht oder nicht so gut funktioniert. Der Betrieb wird zum sozialen Ballungszentrum. Vielfältig, kreativ und produktiv – ganz ähnlich wie die urbanen Zentren, die sich übrigens ebenso wandeln. 

Momente der Wahrheit: Wenn New Work konkret wird

Zu den entscheidenden Erfolgsfaktoren zählen ein konsistentes, überzeugendes Führungsverhalten und eine entsprechende Arbeitgeberkommunikation. Wenn Vorgesetzte zähneknirschend Homeoffice „zugestehen“ und das auch genau so ausstrahlen, weil sie in Wahrheit Vorbehalte hegen, dann ist das so ziemlich das Gegenteil von Führung. (Und nebenbei: Es ist zwar durchaus Kommunikation, jedoch eine dysfunktionale.)

Noch Ende 2019 zeigte eine gemeinsamen Untersuchung von ZEW (Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung) und IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung), wie sehr gerade die Haltung der Vorgesetzten der Einführung von Homeoffice im Wege standen. Etwa 70 Prozent der vor Ort im Betrieb arbeitenden Teilnehmer gaben dies als Haupthindernis an.

Präsenz- oder Vertrauenskultur? Es macht keinen Sinn, ein neues Arbeitsmodell in altes Führungsverhalten zu ‚übersetzen‘ und die angestrebte Flexibilität in das altbekannte – dann eben ausgeweitete – Set von Vorschriften zu fassen. Ebenso wenig ist Laissez-faire gemeint. Es geht vielmehr darum, die Erwartungshaltungen der Beteiligten mit den betrieblichen Anforderungen unter einen Hut zu bekommen. Die Ausgestaltung von ‚unübersichtlicheren‘ Formen der Zusammenarbeit verlangt strategische Orientierung ebenso sehr wie Empathie.

Human Relations – was Homeoffices zu einem Unternehmen verbindet

Wer eine leitende Funktion innehat, sollte wissen, wie die Mitarbeitenden ticken, was sie brauchen, um gute Arbeit zu leisten, und wie sie ihre berufliche Perspektive sehen. Genau das wird schwieriger, wenn Homeoffice die neue Normalität ist.

  • Was passiert zum Beispiel mit dem Onboarding? Schon das Kennenlernen der Kollegen gestaltet sich schwierig, wenn diese über verschiedene Homeoffices verstreut sind. Und wenn die Neuzugänge weder ihre Kollegen noch das Team als Ganzes erleben, wie können sie sich dann einfügen? Und wenn sich die Teammitglieder untereinander nicht einschätzen können, wie soll dann die Zusammenarbeit funktionieren, und zwar gerade die auf Distanz?
  • Welche Auswirkungen wird Homeoffice auf Karrierewege und Karriereverhalten haben? Gute Leistung auf dem Papier ist das eine. Um aufzusteigen, braucht es in vielen Unternehmenskulturen aber nach wie vor interne Sichtbarkeit und gute Vernetzung. Wer viel Zeit im Homeoffice verbringt, könnte das Nachsehen haben oder dies zumindest befürchten.
  • Welche Folgen hat es, wenn Homeoffice nicht prinzipiell allen zugänglich ist? Es könnte dann auch schnell als Begünstigung wahrgenommen werden. Auch könnte es sein, dass die Beschäftigten in der Firma ihren zu Hause arbeitenden Kollegen gegenüber mangels sozialer Kontrolle ein Misstrauen entwickeln, etwa weil sie befürchten, deren Job mit übernehmen zu müssen.
  • Was passiert, wenn sich die Büros entvölkern? Das Hin und Her in den Fluren, die zufälligen Begegnungen im Fahrstuhl oder in der Kantine sind wie ein informelles Netzwerk, das in alle Winkel des Unternehmens reicht. Es bringt den sozialen Kit hervor, der die Mitarbeiter verbindet. Und die schätzen die beruflichen Kontakte umso mehr, je länger das Social Distancing andauert.

Lockern sich die zwischenmenschlichen Begegnung, löst sich früher oder später der ‚soziale Kit‘. Zuerst verliert sich das Gemeinschaftsgefühl untereinander und schließlich die Identifikation mit Unternehmen, Marke und Produkt. Und nicht nur das. Die informellen Kanäle versiegen, denen viele Organisationen, Vitalität, Resilienz und durchaus auch Effizienz verdanken.

Mitarbeiter, die vom Home-Office aus gefühlt wie Selbständige aufgestellt sind, könnten sich leichter vom Arbeitgeber entfremden. Dabei leben erfolgreiche Unternehmen gerade von dem, was man nicht kaufen oder downloaden kann: Vom Commitment und Engagement ihrer Mitarbeiter.

Der Job von Personalverantwortlichen wird daher in Zukunft noch anspruchsvoller. Chef sein reicht nicht mehr. Vorgesetzte sollen heute Moderator sein, Coach, Ermöglicher, Talentförderer, strategischer Lotse und – was sich als roter Faden durchzieht – Kommunikator. Nun wird ja gerade dieser wichtige Teil des Führungsjobs auf soziale Distanz schwieriger.

Die Wahrnehmung der Wirklichkeit kann umso stärker auseinanderdriften, je weniger man sie gemeinsam erlebt. Genau das passiert. Ein gutes Beispiel dafür ist, um wie viel kritischer Arbeitgeber die Homeoffice-Folgen einschätzen als Arbeitnehmer dies tun.

Lost in isolation?

HomeofficeViele der ‚remote‘ Beschäftigten sehen, wie der Digitalverand BITKOM im November herausfand, offenbar kein Problem darin, wenn der Kontakt zu ihren Vorgesetzten abreißt (80 Prozent). Hingegen vermissten mehr als 50 Prozent den Kontakt zu ihren Kollegen.

Genau so viele Befragte, mehr als die Hälfte, empfanden ihre eigene Produktivität im Homeoffice höher als im Büro. Ein Drittel gab an, zu Hause wie im Betrieb gleichermaßen produktiv zu arbeiten.

Offen ist, inwiefern so viele Beschäftigte eben aufgrund dieser positiven Selbsteinschätzung die Kommunikation mit ihren Vorgesetzten für nicht so wichtig halten. Fest steht dagegen, dass Arbeitgeber die Lage ganz anders bewerten: Mehr als ein Viertel der Unternehmen (27 Prozent) verzeichneten einer ifo-Umfrage zufolge eine sinkende Produktivität ihrer Belegschaft, 30 Prozent eine gleichbleibende, aber nur 6 Prozent steigende.

Auch die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf fand in einer Langzeitstudie heraus, dass im Homeoffice arbeitende Menschen ihre Produktivität höher einschätzen als die ins Büro zurückgekehrten, allerdings um den Preis eines höheren Stress-Levels. Dafür kommen viele plausible Erklärungen in Frage. Etwa Konflikte durch die Entgrenzung von privater und professioneller Sphäre. Oder die Tendenz zu einer schleichend zunehmenden und ungesteuerten Mehrarbeit.

Offenbar spiegeln die Angaben der Homeworker vor allem eine empfundene Produktivität wider, wie unter anderem eine Untersuchung der Universität Konstanz nahelegt.

Die Konstanzer Untersuchung ergab übrigens auch, dass die meisten Beschäftigten nicht auf ihren Büroarbeitsplatz verzichten möchten. Sie freuen sich auf die persönliche Interaktion und den spontanen, kreativen Austausch mit den Kollegen. Der Wunsch nach Homeoffice-Optionen schließt die Sehnsucht nach dem Büro nicht aus – so schließt sich der Kreis.

Den ganzen Horizont im Blick behalten

Wertschöpfung hängt mehr denn je an der Kommunikation. Je dezentraler, flexibler und virtueller wir zusammenarbeiten, desto wichtiger ist das kommunikative Band. Denn es ist eine Kernaufgabe von Führungskräften, ein produktives Team zu formen und zusammenzuhalten. Deshalb heißt führen mehr denn je ‚communicare‘ (oder evtl. auch communi-care) – kommunizieren im eigentlichen Sinn.

Wie sich in den Ergebnissen unserer eigenen CIVEY-Umfragen bestätigt, ist die Qualität der Kommunikation – über den Workflow hinaus – ein entscheidender Faktor, um Mitarbeitende zu binden und Zentrifugalkräfte einzufangen. So werden das gemeinsame Selbstverständnis in der Organisation gewahrt, das Commitment mit Zielen und Changeprozessen des Unternehmens gesichert. Das ist die Basis, um überhaupt erst die Voraussetzungen für dauerhaft produktives, betriebsweites Homeoffice zu schaffen und festzulegen.

Einführung, Ausweitung und Vertiefung von Homeoffice ist für die Arbeitgeber ein nicht zu unterschätzender Kraftakt. Er geht sowohl die „Hardware“ als auch die „Software“ des Unternehmens an. Letztere sogar zuallererst, denn nachhaltiger Wandel beginnt in den Köpfen. Und die erreicht, wer Kommunikation weiterdenkt.

Die anderen Beiträge unserer Homeoffice-Reihe finden Sie hier:

Corporate Distancing – Homeoffice Im Corona-Modus

Corporate Coherence: Homeoffice – Goldstandard oder Korrosionsbeschleuniger?

Corporate Responsibility – Home sweet Homeoffice. Bei guter Führung


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