Weltkindertag: Wie digitalisiert soll Kindheit sein?

Weltkindertag Kindheit nicht Digital genug Fink & Fuchs

Gerade Eltern und Kinder sahen sich zu Beginn der Corona-Pandemie großen Herausforderungen gegenüber. Der Alltag der Kinder änderte sich fundamental: Keine Freunde treffen, nicht in die Schule gehen, stark eingeschränkte Möglichkeiten, die eigene Freizeit zu gestalten. Und: Viel mehr Onlinezeit. Das löst gerade bei Eltern Besorgnis aus. Dabei muss man feststellen: Die Kindheit könnte noch viel stärker digitalisiert sein.

Das gilt nicht nur für das Bildungssystem, in dem sich gezeigt hat, wie ungenügend Schulen in der Fläche darauf vorbereitet waren, über digitale Kanäle und Plattformen zu unterrichten.

Es gilt auch darüber hinaus. Denn Digitalisierung beschreibt eine Veränderung, die auch systemisch und strukturell erfolgt – nicht nur durch die Handlungen des Einzelnen. Der Schub in der Nutzung oder auch die sich ständig erweiternden Optionen sind zu wenig strukturell durchdacht und integriert. Kinder und Jugendliche erhalten oft zu wenig Begleitung darin, sich die Digital- und Medienkompetenz aufzubauen. Auch, weil Eltern und Lehrkräften selbst das Know-how fehlt, um diese zu vermitteln.

Sprung in der Nutzung muss reflektiert betrachtet werden

Weltkindertag Kindheit nicht Digital genug Konsole Fink & FuchsDie eigentlich rückläufige TV-Sehdauer bei Kindern zwischen 3 und 13 Jahren ist in 2020 wieder gestiegen – im April waren es bezogen auf den Wochendurchschnitt 20 Minuten mehr als 2019 (77 versus 57 Minuten, gemäß Kinderwelten-Studie “Ein Leben ohne Medien ist möglich, aber sinnlos”). Klar, dass das bei Social Media und Gaming auch durchschlägt: Bei den 10- bis 18-Jährigen verzeichnet eine DAK-Befragung einen Anstieg um 66 Prozent bei der Social-Media-Nutzung (116 auf 193 Minuten täglich), beim Gaming ging es von 79 Minuten auf 139 Minuten (DAK-Studie: Gaming, Social-Media & Corona).

Ja, das ist heftig. Ein „die hängen ja alle die ganze Zeit nur am Bildschirm!“ ist aber eine recht unreflektierte Reaktion darauf. Denn diese beginnt mit der simplen Frage „Was hätten sie denn sonst machen sollen?“

Die JIMplus 2020 zu Lernen und Freizeit in der Corona-Krise zeigt, was die (hier 12- bis 19-Jährigen) so online getan haben. Für 90 Prozent lief der Kontakt zu Freunden währenddessen über Messenger wie WhatsApp, 36 Prozent nutzten dafür Computerspiele. Und es sollte in der Betrachtung schon einen Unterschied machen, ob online sozialer Kontakt und Austausch stattfinden oder nur stumpfe Berieselung. Sicher macht es einen Unterschied, ob gemeinsam Ballerspiele gespielt werden oder sich Kinder in Aufbauwelten wie Animal Crossing oder Minecraft treffen.

Und natürlich kommen Aspekte wie Bewältigungsmechanismus und Bekämpfung von Langeweile hinzu – 86 Prozent in der DAK-Gesundheitsstudie haben Social Media genutzt, um ihre Langeweile zu bekämpfen. Die Aspekte Sorgen zu vergessen, Stress abzubauen und der Realität zu entfliehen bringen es jeweils auf 36 bis 38 Prozent.

Was wird, was bleibt?

Was bleibt, ist der Aspekt, dass kurzfristige Bewältigungsmechanismen nicht zum Dauerzustand werden dürfen, weil das ungesunde Folgen haben kann. Ebenfalls dürfte bleiben, dass die Nutzung der Kinder von digitalen Devices und Angeboten stärker geworden ist. Sie ist durch Corona schon früher und in veränderter Form Teil ihres Alltags geworden. Aber das in schneller, plötzlicher Art und eben nicht in einer strukturierten Form. Die Vermittlung von Medienkompetenz, Digitalkompetenz und Informationskompetenz sind damit noch wichtiger und die Aufgabe von uns Erwachsenen.

Denn neben der Teilhabe, dem Austausch, der Information und Unterhaltung gibt es natürlich auch negative Aspekte der “digitalisierten Kindheit”. Das beginnt mit dem Punkt, dass zu viel Zeit mit Displaygeräten negative gesundheitliche Auswirkungen haben kann – und setzt sich damit fort, dass Kinder und Jugendliche so auch Mobbing, Belästigung und nicht kindgerechten Inhalten verschiedenster Art ausgesetzt werden können.

Know-how aufbauen, um Kompetenz zu vermitteln

Weltkindertag Kindheit nicht Digital genug Homeschooling Fink & FuchsEs ist unzureichend, Kindern die Nutzung digitaler Geräte selbst zu überlassen. Die notwendigen Kompetenzen zu ihrer Nutzung müssen vermittelt werden. In erster Linie durch die Eltern. In zweiter Linie durch Pädagogen. In beiden Fällen bedeutet das eben auch, dass sie selbst über das entsprechende Wissen verfügen müssen.

Die großen Probleme bei digitalem Unterricht haben gezeigt, wie schlecht das Bildungssystem strukturell darauf vorbereitet ist. In Bemühungen, dies nun endlich zu ändern, steckt auch die Chance, Lehrkräften und Eltern sowie Schülerinnen und Schülern hier auch die entsprechenden Kompetenzen und die Anwendungspraxis zu vermitteln. Nutzen der Anwendung, Potenziale und Mittel gegen Risiken kennenzulernen – das alles stellt keinen Schaden für die Zukunft der Kinder und Jugendlichen dar.

Das gilt auch jenseits der Schule: Über Messenger und Social Media mit Freunden in Kontakt treten ist grundsätzlich nicht schlecht, in vielen Fällen mittlerweile sogar notwendig, um den Anschluss zu halten. Für Eltern und Kinder geht es aber darum, gemeinsam die Nutzung zu besprechen – und zu erreichen, dass Kinder bei Dingen, die unangenehm oder erschreckend sind, mit ihren Eltern darüber sprechen. Mobbing oder Belästigung sind ja nicht neu, nur der Kanal – der leider viel mehr Breite und Härte ermöglicht. Dessen Eigenheiten zu vermitteln und den Umgang damit gemeinsam zu besprechen, ist Teil der Vermittlung von Medienkompetenz. Das beinhaltet auch Aspekte wie man denn als Familie mit Daten umgeht, was in der eigenen Cloud liegt – worauf Kinder und worauf Eltern Zugriff haben.

Weltkindertag Kindheit nicht Digital genug KindFür die ganz Kleinen gibt es wiederum – neben dem Punkt, was sie überhaupt nutzen dürfen – auch auf sie zugeschnittene Angebote, die elterliche Kontrollmöglichkeiten bieten – Programme wie Amazon FreeTime Unlimited beispielsweise.

An Eltern und im nächsten Schritt Pädagogen stellt das die Anforderung, sich das entsprechende Know-how anzueignen. Dafür gibt es auch Organisationen, die ihnen helfen. Der Bogen reicht vom Deutschen Kinderhilfswerk über klicksafe und den Deutschen Bildungsserver bis zu Schau hin, um nur einige zu nennen. Medien und Online-Plattformen selbst werden diese Aufgabe nicht lösen. Sie können zwar unterstützen – und sollten das auch. Und zu Recht erwartet man von ihnen Engagement sowie die Einhaltung bestehender Regelungen. Es gibt aber kein Internet ab 3 und ein anderes für Nutzer ab 18 Jahren. Genauso wenig wie ein jugendschutzgerechtes deutsches Netz einem wilden globalen Netz gegenüberstehen wird.

Schulen müssen in mehr als einer Hinsicht digitaler werden

In der Schule sollte Medien- und Digitalkompetenz definitiv eine größere Rolle spielen. Es bleibt zu hoffen, dass die Pandemie hier einen Ruck auslöst. Denn wenn man betrachtet, wie schwer die eigene Nutzung digitaler Angebote hier vielerorts gefallen ist, dann muss strukturell auch bei der Vermittlung des Know-hows dazu an den Schulen angesetzt werden.

Der Mathe- und Chemielehrer muss kein Cloud-Experte sein, aber er sollte Möglichkeiten erhalten, sich das relevante Digitalwissen anzueignen. Das bedarf auch einer differenzierteren Betrachtungsweise, für was sich Wikipedia und Youtube eignen – und wo sie Grenzen haben.

In einer Zeit, in der aber selbst Online-Unterricht in Krisensituationen daran scheitert, dass komplett unklar ist, welche technischen Lösungen verwendet werden dürfen, macht man es Lehrkräften und Kindern unnötig schwer.

Natürlich ist Datenschutz wichtig, aber der Industrie- und Bildungsstandort Deutschland muss in der Lage sein, seinen Schulen eine funktionierende, verwendbare Technologieplattform anzubieten.

Technologie schafft Möglichkeiten zur Teilhabe – das wurde sichtbar in der Hochphase der Pandemie, in der es auch darum ging, wie man Kindern aus Haushalten helfen kann, die sich entsprechende Ausstattung nicht leisten können. Eltern, Kindern und Jugendlichen diese Teilhabe zu bieten – und sie gleichzeitig mit den Kompetenzen auszustatten, sie richtig und möglichst sicher zu nutzen, stellt eine große Aufgabe dar. Sie ist für unsere Zukunft aber wichtig.

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