Verschwindet die gedruckte Zeitung bald komplett im Internet? Wie wirkt sich die zunehmende Masse an „User Generated Content“ auf die Arbeitsweise der Journalisten aus? Müssen sich Journalisten zukünftig mehr und mehr mit den Nutzern um den vorhandenen Platz für Nachrichten streiten? Weicht die Trennung der Print- und Online-Redaktionen mehr und mehr auf? Werden die zunehmende Digitalisierung und die Verschiebung von Werbe-Budgets Auswirkungen auf die Qualität der Berichterstattung haben?
Digitalisierung und Rezession schlagen auf Journalismus durch
Das internationale Oriella PR-Netzwerk hat die Studie „European Digital Journalism” veröffentlicht. Die europaweite Untersuchung zeigt, wie die Digitalisierung der Medien die Arbeitsweise von Journalisten verändert und welche Auswirkungen die Wirtschaftskrise auf Medien und Journalismus hat. Teilgenommen haben insgesamt 354 Journalisten aller Mediengattungen aus Belgien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Spanien, Schweden und Großbritannien. In Deutschland wurde die Studie von den Oriella-Partnern PR-COM und Fink & Fuchs PR durchgeführt.
Die Studie zeigt die Herausforderungen, mit denen die Medienindustrie in Europa aktuell konfrontiert ist und unterstreicht die These, dass sich die Ausgestaltung von Medienformaten grundlegend verändert. So glaubt ein Drittel der Studienteilnehmer, dass ihr traditioneller Medienkanal (Print, Radio oder TV) möglicherweise in absehbarer Zeit eingestellt wird. Bei 17,7 Prozent der Befragten wurden in den vergangenen Monaten bereits bestimmte Medienformate eingestellt. Bei weiteren 12 Prozent gibt es nur noch ein Online-Angebot.
Mittlerweile geben knapp 25 Prozent der befragten Journalisten an, dass das Online-Angebot der reichweitenstärkste Kanal sei. Wobei gut die Hälfte der Befragten keine tragfähigen Geschäftsmodelle für Online-Angebote sehen. Dass die digitalen Medienkanäle dennoch weiter auf dem Vormarsch sind, wird auch durch den hohen Anteil an Inhalten belegt, die speziell für Online-Angebote produziert wurden. 43 Prozent der Studienteilnehmer geben an, dass mindestens 60 Prozent der Inhalte nur noch online zu finden seien. Während die Online-Plattform nur noch für 9 Prozent ausschließlich der Zweitverwertung existierender Inhalte diene.
Das Berufsbild Journalist verändert sich
Von Journalisten wird heute jedoch nicht nur klassische Redaktions-arbeit erwartet: Blogging und Video-Berichte gehören bei fast der Hälfte der Befragten zum Redaktionsalltag, bei 47 Prozent Online-Video-Clips und bei 46 Prozent der Journalisten betreute Blogs. Twitter scheint bald schon zur Grundausstattung von Redaktionen zu zählen, wobei in Großbritannien fast 70 Prozent, in Deutschland hingegen nur ca. 26 Prozent redaktionelle Twitter-Kanäle betreiben. Ähnlich groß sind die nationalen Unterschiede bei journalistischen Blogs in den Online-Angeboten der Medien (31 Prozent in Deutschland, 85 Prozent in UK). Obwohl europäische Publikationen ihre Inhalte vermehrt in neuen, digitalen Formaten anbieten, geben zwei Drittel der Befragungsteilnehmer an, keinerlei Training im Umgang mit den Neuen Medien erhalten zu haben. Für 40 Prozent der Befragungsteilnehmer bedeutet diese Entwicklung, dass sie deutlich mehr Inhalte produzieren müssen als bislang, bei einem guten Viertel auch längere Arbeitszeiten.
Interessanterweise geben – trotz Wirtschaftskrise, Auflagenschwund, Anpassungsdruck und Job-Unsicherheit – 84 Prozent der Journalisten an, dass Sie zufrieden und zu einem guten Teil sogar zufriedener mit ihrer Arbeit seien. Überdies empfinden mehr als 39 Prozent der Befragten die Qualität ihres redaktionellen Outputs als hochwertiger. Während jeder fünfte eine Verschlechterung der journalistischen Qualität in seiner Redaktion sieht, erwartet hingegen die Hälfte der Befragten durch Ressourcenverknappung einen allgemeinen Qualitätsverlust.
Fast 60 Prozent der befragten Journalisten schätzen, dass die Zahl der Print-Medien deutlich abnehmen wird. Gut die Hälfte ist der Meinung, dass Social Media zu einer völlig neuen Medienlandschaft beitragen wird, wobei 40 Prozent auch zukünftig an die Bedeutung eingeführter Medienmarken glauben. Ebenso viele schätzen, dass auf der Suche nach Themen, Inhalten und Material die Abhängigkeit von der PR zunehmen wird. Nur 25 Prozent erwarten, dass die Zahl der Medien insgesamt zurückgehen wird.
Für weitere Fragen stehen wir Ihnen jederzeit gerne zur Verfügung.
Weiterführende Informationen
Berichtsband der "International Digital Journalism Survey 2009" als PDF
Slidedeck mit Grafiken zur Studie als PDF
Interview mit Prof. Ansgar Zerfaß zu den europäischen PR-Trends 2009


