
Employer Branding als strategischer Hebel im Kampf um die besten Köpfe
Von Michael Grupe, Mitglied der Agenturleitung der Fink & Fuchs Public Relations AG
„Spieglein, Spieglein an der Wand - wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Noch vor wenigen Jahren war die Rollenverteilung bei dieser Frage eindeutig. Die zahlreichen Bewerber sahen sich auf der Suche nach einem attraktiven Jobangebot in der Rolle der Königin. Und die Unternehmen, der Spiegel, konnten in Ruhe unter den zahlreichen Bewerbern ihr Schneewittchen wählen. Dieses Verhältnis hat sich mittlerweile radikal umgekehrt. Heute sind es die Unternehmen, die in den Spiegel schauen: An Quantität und Qualität eingehender Bewerbungen sowie auf der Basis von Fluktuationsdaten und Mitarbeiterzufriedenheit erhalten sie eine unmissverständliche Antwort auf die Frage nach der eigenen Anziehungskraft. Das Arbeitgeber-Image eines Unternehmens – noch nie war es so wichtig wie heute.
Der BITKOM beklagte in 2008 über 45.000 offene Stellen in der IT-Branche. Mehr als die Hälfte aller IT-Unternehmen sahen sich davon in ihrer Geschäftstätigkeit beeinträchtigt. Doch damit nicht genug. Die Prognos AG hat errechnet, dass in Deutschland bis zum Jahr 2030 in den Berufen auf Basis so genannter MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und technische Berufe) eine Dreiviertelmillion Fachkräfte fehlen werden. Wo sollen die auch herkommen? Im Auftrag unseres Kunden Computacenter, einem großen IT-Dienstleister, hat TNS Emnid im vergangenen Jahr das Image von IT-Berufen bei der Zielgruppe der 14- bis 29-jährigen ermittelt. Die Ergebnisse waren verheerend. So können sich der Studie zufolge zwar 30 Prozent der Befragten vorstellen, einen informationstechnischen Beruf zu ergreifen. Von dieser Gruppe hält jedoch nur jeder Fünfte die IT-Branche für ein attraktives Berufsfeld und nur eine Minderheit hat überhaupt eine konkrete Vorstellung davon, wie die Menschen in den IT-Abteilungen von Unternehmen und Behörden oder bei IT-Unternehmen arbeiten. „Dass die Jugendlichen uns immer noch in die ‚Nerd-Ecke’ rücken, ist in erster Linie unsere eigene Schuld. Offensichtlich haben wir es nicht geschafft, zu zeigen, wie spannend unsere Branche ist.“, erklärt Oliver Tuszik, CEO und Vorstandsvorsitzender von Computacenter.

Wenn eine Branche ein diffuses Image hat, liegt es auf der Hand, dass die Nachwuchskräfte ausbleiben. Dass Unternehmen Handlungsbedarf in Sachen Positionierung als attraktiver Arbeitgeber haben, zeigen auch die aktuellen Ergebnisse einer Studie des Gallup-Instituts. Demnach fühlen sich 90 Prozent der Beschäftigten ihrem Unternehmen nicht verbunden. Schlimmer noch, 67 Prozent machen Dienst nach Vorschrift, 20 Prozent haben innerlich bereits gekündigt. Einem Unternehmen mit 1.000 Mitarbeitern, so ein Rechenbeispiel, entstünden dadurch 485.000,- Euro Mehrkosten pro Jahr. Interessanter Nebenaspekt: Ein Blick auf die vergangenen Jahre zeige, dass weder eine Verschlechterung noch eine Verbesserung der Konjunktur zu nennenswerten Verschiebungen bei diesen Werten geführt haben.
Eine starke Arbeitgebermarke schafft (neue) Werte

Bei dieser alarmierenden Entwicklung sind die Auswirkungen der globalen Finanzkrise noch gar nicht absehbar - die des demografischen Wandels dafür umso mehr. Aber das macht die Aufgabe auch nicht leichter, im Gegenteil. Der Erfolg im Kampf um die besten Köpfe wird zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Und gleichzeitig gilt es, die eigenen Mitarbeiter weiterzuentwickeln und nachhaltig an das Unternehmen zu binden. In einem umkämpften Markt ist derjenige im Vorteil, dem es gelingt, Identität zu stiften, um Identifikation zu erzeugen. Die zwingende Notwendigkeit sich abzugrenzen, einzigartig und damit attraktiver als andere - vor allem als die direkten Wettbewerber - zu sein, hat zwangsläufig einen Exkurs in die klassische Markentheorie zur Folge. Bisher ging es in diesem Kontext um das Image von Unternehmen und ihrer Produkte. Doch im Zuge des Wandels vom Arbeitgebermarkt zum Arbeitnehmermarkt gewinnt eine neue Markenstrategie an Bedeutung: Der Aufbau und die Positionierung einer Arbeitgebermarke, auch als Employer Brand bezeichnet. Bisher waren die Entwicklung und das Management von Marken primär den Marketing-Experten vorbehalten. Beim Employer Branding sind mehrere Parteien im Boot. Denn nur wenn Top-Management, Marketing, Fachabteilungen, HR und PR sich auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen und an einem Strang ziehen, ist der erfolgreiche Aufbau einer Arbeitgebermarke realisierbar.
Doch bei Employer Branding geht es nicht nur um Imagegewinn und Wettbewerbsvorteile. Starke Arbeitgebermarken, die ihren Mitarbeitern eine Art zweite Heimat bieten, tragen zur Wertschöpfung im Unternehmen bei. Denn Mitarbeiter, die sich mit ihrem Arbeitgeber identifizieren, sind motivierter und haben eine geringere Wechselbereitschaft. Damit sinken die Fluktuationskosten, also die Kosten, die durch Personalwechsel entstehen. Denn jeder Weggang eines Mitarbeiters kostet richtig Geld. Neue Stellenanzeigen, Kosten für Einstellungstests und Einstellungsgespräche, Anlernkosten, Verluste durch nichtbesetzten Arbeitsplatz (Opportunitätskosten) sowie in Kauf genommene Lohnerhöhungen – das summiert sich schnell. Oder anders gerechnet: Wer mehr in die Bindung seiner Mitarbeiter investiert, hat mehr Geld für kreative Recruiting-Maßnahmen. Deshalb sollte Employer Branding zunächst einmal dem Ziel dienen, langfristige Effekte auf Leistungsmotivation, Unternehmenskultur und Mitarbeiterbindung zu erreichen.
Work-Life-Balance als Köder?

Doch wie steht es mit der konkreten Umsetzung im Unternehmen? Visionen, Leitbilder und klar definierte Ziele und Werte sind dabei unumgänglich. An dieser Stelle wird es interessant. Hier treten eine Menge von Fragen auf, die idealerweise sehr offen diskutiert werden sollten, beispielsweise:
- Was sind unsere Werte, was macht uns einzigartig?
- Welche freiwilligen Zusatzleistungen bieten wir unseren Mitarbeitern?
- Was wissen diese darüber, wo und wie können Sie sich informieren?
- Wie bewerten Sie diese Angebote?
- Wie werden die tatsächlichen oder vermuteten Arbeitsbedingungen bewertet?
Mitarbeiterbefragungen liefern da sehr aufschlussreiche Resultate. Gepaart mit einer gezielten Befragung bei Bewerbern bekommen PR- und HR-Abteilung recht schnell ein Bild, wie nah bzw. weit Anspruch und Wirklichkeit voneinander entfernt sind und erfahren, was für die jeweiligen Zielgruppen wichtig ist. Hier hat sich die Prioritätensetzung von Mitarbeitern und Bewerbern während der vergangenen Jahre nachhaltig verändert. In einer Studie hat die internationale Beratung Watson Wyatt Heissman gemeinsam mit der Marketingagentur C rund 8.500 Mitarbeiter deutscher Unternehmen gefragt, welche Zusatzleistungen sie neben dem regulären Gehalt bevorzugen würden. Interessanterweise liegen geldwerte Benefits vom Versicherungspaket bis zum Firmenwagen deutlich hinter den Faktoren, die heutzutage unter dem Begriff der „Work-Life-Balance“ zusammengefasst werden. Hierzu gehören neben dem Wunsch, sich Arbeitszeit und -ort flexibler einzuteilen vor allem mehr Zeit für Freizeit und Familie. Zudem wünschen sich immer mehr Menschen bei einem Unternehmen zu arbeiten, das sich durch verantwortliches Handeln auszeichnet und sich über das eigene Wirtschaften hinaus wahrnehmbar und glaubwürdig in gesellschaftlichen Fragen wie Bildung oder Umwelt engagiert (Stichwort CSR). Diese Themen gilt es zu adressieren. Nicht nur gegenüber Mitarbeitern und Bewerbern haben hier die Unternehmen die Nase vorn, die schon Erfahrungen und konkrete Angebote nachweisen können. Auch die Medien verfolgen diese Veränderungen mit großem Interesse. Wer dann noch konkrete Beispiele von Frauen in Führungspositionen nachweisen kann oder gar konkrete Konzepte für die Betreuung Angehöriger - auch als „Elder Care“ bezeichnet – zu bieten hat, der hat gute Chancen, die Aufmerksamkeit für eine Story zu gewinnen. Gute Themenangebote in Kombination mit einem Interviewangebot mit einem HR-Verantwortlichen, der keine Berührungsängste mit Medienvertretern hat, sind eine gute Basis, um das eigene Unternehmen als attraktiven Arbeitgeber in den Medien zu positionieren.
In Krisenzeiten wichtiger denn je
Nicht zuletzt sei die Frage gestattet: Welche Relevanz haben Themen wie Work-Life-Balance momentan, wenn im Zuge der globalen Krise vor allem sichere Jobs gesucht sind? Und wer kann diese sicheren Jobs überhaupt bieten? Nicht wenige Unternehmen werden in den kommenden Monaten einerseits Mitarbeiter freistellen müssen, andererseits aber auch weiterhin gezielt nach Fachkräften suchen. Und gleichzeitig müssen sie sich als sicherer Arbeitgeber in Krisenzeiten positionieren. Dieser Spagat ist eine echte kommunikative Herausforderung, die das Management, HR und PR gemeinsam meistern müssen. Natürlich geht der Denkansatz beim Aufbau einer Arbeitgebermarke über die Zeit der Krise hinaus. Schließlich sollten die damit verbundenen Aktivitäten auf einer langfristigen Strategie basieren. Doch viele Ideen können schnell Makulatur sein, wenn die Krisen-Kommunikation in diesen schwierigen Zeiten nicht funktioniert und Change-Management-Strategien gar nicht oder nur in der Theorie existieren. PR und HR sind gleichermaßen gefordert, den Dialog mit Mitarbeitern, Potentials und Medien zu intensivieren und zu moderieren.
Erfolg auf mehreren Ebenen messbar

Auch wenn er selten exakt auf einzelne PR-Maßnahmen zurückzuführen ist, lässt sich der Erfolg von Employer Branding Aktivitäten zumindest anteilig messen. Die Mitarbeiterzufriedenheit auf Basis jährlicher Befragungen sowie die Beteiligung an firmeninternen Veranstaltungen und Gesprächsangeboten geben ebenso Aufschluss wie Fehlzeiten, Krankheiten, die durchschnittliche Beschäftigungsdauer und die Fluktuationsrate. Im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen der Erfolgskontrolle lassen sich hier vergleichsweise kostengünstig Veränderungen auf Basis von Vergleichswerten feststellen. Gleiches gilt für Recruiting-Initiativen. Die Qualität und Quantität der eingehenden Bewerbungen auf Stellenausschreibungen sowie der eingehenden Initiativbewerbungen geben wertvolle Aufschlüsse. Zudem lässt sich die Wahrnehmung des Unternehmens in Bewerbungsgesprächen gezielt abfragen. Neben den Zugriffen auf den Recruiting-Bereich der Unternehmens-Website ist die Resonanz bei Recruiting-Messen und -Veranstaltungen ein wichtiger Indikator für die Bewertung der Wahrnehmung. Im Bereich der Medienarbeit lässt sich recht gut nachvollziehen, über welche der adressierten HR-Themen die Medien berichtet haben und wie prominent der HR-Verantwortliche vertreten ist oder sogar als Gesprächspartner/Experte nachgefragt wird.
Als zusätzliches Erfolgskriterium können zudem die zahlreichen unterschiedlichen Arbeitgeber-Rankings dienen, wie „Great Place to Work“, „TOP-Arbeitgeber“ und andere. Wer hier gut abschneidet oder gar Auszeichnungen erhält, hat eine weitere Bestätigung, dass seine Employer-Branding-Maßnahmen Früchte tragen. Auch wenn diese Wettbewerbsformate derzeit wie Pilze aus dem Boden sprießen, sollte die Wirkung auf Jobsuchende nicht unterschätzt werden. Die Auszeichnungen werden als Gütesiegel betrachtet und deshalb sollten sie vor allem im Recruiting-Umfeld breitenwirksam kommuniziert werden. Darüber hinaus gibt es mittlerweile zahlreiche Studien, die sich mit der Wahrnehmung von Unternehmen bei Studienabgängern, Nachwuchskräften und anderen potentiellen Mitarbeitern auseinandersetzen. Exemplarisch seien hier die ZEIT-Studie oder das Absolventenbarometer von Trendence genannt.
Arbeitnehmer bewerten Arbeitgeber

Natürlich hat das Web 2.0 auch bei der Einordnung von guten und schlechten Arbeitgebern längst Einzug gehalten. Auf Portalen wie kununu.de, jobvoting.de oder arbeitgebertest.de bewerten Arbeitnehmer ihre aktuellen oder ehemaligen Arbeitgeber. Leider werden diese Plattformen auch gerne mal für Rache-Akte von ehemaligen Mitarbeitern missbraucht. Doch spannend ist es allemal, was auf diesen Portalen passiert. Auch wenn es noch an umfassenden Erkenntnissen fehlt, welche Strategie beim Umgang mit derartigen Foren zu wählen ist, sollten PR- und HR-Leute sich zumindest ein Bild machen, ob und wie ihr Unternehmen und die Wettbewerber bewertet werden. Schließlich bietet auch der Blick in den virtuellen Spiegel, wertvolle Erkenntnisse, ob das eigene Unternehmen zu den Schneewittchen am Arbeitsmarkt gehört.
Kommunikationsfelder für Employer Branding
Mitarbeiterkommunikation
• Mitarbeiterbefragungen / Stimmungsbarometer
• Intranet / Newsletter
• Mitarbeiterzeitung / -magazin
• Schwarzes Brett / Infoterminals
• Interne Informationsveranstaltungen / Events / Sprechstunden mit dem Management
• Blogs / Podcasts / Vidcasts / Wikis
Medienarbeit
• Themendefinition und Storylines
• Themen-Monitoring
• Positionierung des HR-Verantwortlichen im Kontext mit den definierten Themen in
Form von Gesprächsangeboten, Fachbeiträgen und Veranstaltungen
Online-Recruiting
• Online-Anzeigen, die nicht den Printmarkt simulieren sondern die Tools der Internet
Kommunikation einbinden (Videos, Podcasts, Blog)
• Mitarbeiter-Statements
• Benefits für Mitarbeiter aufzeigen
• Informationen zum Unternehmen
• Bilderwelten von tatsächlichen Mitarbeitern, die einen authentischen Einblick in die
Arbeitswelt gibt
• Auszeichnungen aus Arbeitgeber-Rankings gelten als „Gütesiegel“ und sollten an
prominenter Stelle positioniert werden
• Kontaktmöglichkeiten zur Personalabteilung
Weitere Recruiting-Aktivitäten
• Hochschul-Marketing
• Recruiting-Messen
• Beteiligung an Arbeitgeber-Rankings
• Kongressvorträge
• Kooperation mit oder Sponsoring von Initiativen / Aktionen wie beispielsweise „Jugend
forscht!“, „IT-Fitness“ (CSR)
• Initiator und Förderer eigener Initiativen auf den Gebieten Personal oder CSR wie
Forschungskooperationen, Bildungs-Initiativen, usw. (CSR)
Kleine Checkliste für Employer-Branding-Beauftragte:
• Analyse der Bedürfnisse und Erwartungen von Mitarbeitern und Bewerbern
• Definition und Hervorheben von Leistungs- und Entwicklungsmöglichkeiten gegenüber
Mitarbeitern und Bewerbern
• Reduktion der Kernaussagen – Fokussierung und Konzentration auf das Wesentliche
• Abgleich der Kernaussagen mit der Unternehmensrealität
• Abteilungsübergreifende Abstimmung beim Aufbau der Arbeitgebermarke
• Definition eines klaren, einzigartigen Arbeitgeberprofils/ Entwicklung eines Employer
Brands
• Definition eines Slogans, der die individuelle Stärke des Arbeitgebers unterstreicht
• Einsatz von grafischen/sprachlichen und audiovisuellen Elementen bei der
Zielgruppenansprache
• Gezielter Einsatz von Mitarbeitern als Botschafter der Arbeitgebermarke
Diese Liste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann beliebig erweitert werden.



