
Interview mit Viktor Mayer-Schönberger, Associate Professor an der John F. Kennedy School of Government, Harvard University, Cambridge, Massachusetts
Stehen Daten einmal im Netz, sind sie nicht mehr auszulöschen. Mit der wachsenden Anzahl von Social Communities und Web2.0-Services stellen immer mehr Menschen ihre persönlichen Daten der Öffentlichkeit zur Verfügung und bauen sich bewusst eine eigene Netzidentität auf. Wer etwas über einen anderen Menschen wissen möchte, braucht ihn nur "zu googeln". Auf Knopfdruck erscheinen alle Informationen, die im Internet jemals über eine Person verbreitet wurden. Dabei werden auch Daten ans Licht befördert, die der betreffenden Person vielleicht nicht immer zum Vorteil gereichen. Das Internet vergisst nichts. Damit soll jetzt Schluss sein, fordert der Harvard-Professor Viktor Mayer-Schönberger. Er will alle Daten im Netz mit einem Verfallsdatum versehen.
Internetbasierte Netzwerke liegen im Trend. Das Business-Netzwerk Xing verzeichnet mittlerweile rund 3,5 Millionen Mitglieder, die dort freiwillig ihre Daten der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Sind die Menschen zu sorglos geworden?
Nur wer weiß, was mit seinen Daten passiert, kann sich darüber auch Sorgen machen. Wir sind nicht sorglos, sondern ahnunglos.
Sie haben im vergangenen Jahr ein Arbeitspapier erstellt mit dem Titel "The Art of Forgetting in the Age of Ubiquitous Computing" in dem Sie fordern, dass alle Daten im Internet mit einem Verfallsdatum versehen werden müssen. Warum?
Wir Menschen vergessen das meiste, was wir erleben - und das ist gut so. Wir erinnern uns nur an einen kleinen Bruchteil der Dinge, die wir erleben. Deshalb mussten wir nie die Fähigkeit entwickeln, Ereignisse der Vergangenheit in eine zeitliche Perspektive zu stellen, zum Beispiel ältere Erfahrungen mit einem Gegenüber weniger wichtig zu nehmen als neuere Erfahrungen. Durch die Digitalisierung können wir viel mehr zu viel
geringeren Kosten speichern UND wiederfinden - auch im globalen Netz. Damit aber ist das Vergessen nahezu unmöglich geworden, und wir werden immer wieder mit widersprüchlichen Eindrücken aus der Vergangenheit konfrontiert, die wir einfach nicht in eine zeitliche Dimension stellen können. Die Konsequenz sind Fehlentscheidungen.
Wie soll das technisch funktionieren?
Mein Vorschlag ist, Dateien mit einem Ablaufdatum zu versehen; ist es erreicht, wird die Datei gelöscht. Mir geht es dabei nicht um den technischen Mechanismus (der ist einfach umzusetzen): jeder soll auch seine Ablaufdati verändern können. Mir geht es stattdessen darum, dass wir auch in der digitalen Welt stets mit der Frage konfrontiert werden, wie lange wir Informationen aufbewahren wollen, also mit der Tatsache der Endlichkeit von Information. Wir können selbst festlegen, wie lange dies sein soll - wie
lange also wir glauben, dass eine bestimmte Information relevant ist.
Wollen Sie das Netz kontrollieren?
Nein, im Gegenteil. Ich möchte den Menschen wieder die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, wie lange sie welche Information aufbewahren und wiederfinden möchten.
Was sagen Datenschützer und natürlich auch die verschiedenen Netz-Communities zu Ihrem Papier?
Die Datenschützer sehen das Problem ähnlich. In Slashdot und auf Ars Technica wurde kontrovers, aber konstruktiv diskutiert. Das hat mich gefreut. Auch die Suchmaschinenanbieter nehmen sich der Sache an: Microsoft hat bekannt gegeben, keine personalisierten Suchanfragen mehr zu speichern, Google hat seine Politik (leicht) geändert, und Ask.com bietet neuerdings mit AskEraser sogar ein unmittelbares Ablaufdatum der Suchanfragen an.
Welche Tipps geben Sie einem Netzbürger für seine Identität im Netz?
Mit personenbezogenen Informationen vorsichtig umzugehen! Dazu gibt es viele hilfreiche Tools im Netz.
Herr Prof. Dr. Mayer-Schönberger, wir danken Ihnen für das Gespräch!
Zum Interviewpartner:
Viktor Mayer-Schönberger trat im September 2007 eine Stelle als Professor an der ESMT an. Gleichzeitig unterrichtet er als Associate Professor of Public Policy an der John F. Kennedy School der Harvard University in Boston, USA, wo er seit 1999 tätig ist. Seine Forschungsschwerpunkte sind Informations- und Kommunikationstechnik, Belange der Europäischen Union und der Ordnungspolitik. Nach der erfolgreichen Teilnahme an der internationalen Physik-Olympiade sowie dem österreichischen Wettbewerb junger Programmierer, studierte Viktor Mayer-Schönberger Rechtswissenschaften in Salzburg (Mag. iur, 1988, Dr. iur 1991), Cambridge, England und Harvard (LL.M. 1989). 1992 erlangte er den Master of Science in Economics (Wirtschaftswissenschaften) von der London School of Economics, und in 2001 den venia docendi (Habilitation) in Informationsrecht, Rechtsinformatik und Rechtstheorie an der Karl Franzens Universität in Graz. Prof. Dr. Mayer-Schönberger leitet die Rueschlikon-Konferenz zu Fragen der Informationswirtschaft, in der jedes Jahr die führenden Strategen und Entscheidungsträger der New Economy zusammen treffen.
Weiterführende Informationen:
Bücher und Veröffentlichungen sowie Kontaktinformationen finden Sie auf der Seite Kennedy School of Government Faculty der Harvard University.
Literaturtipps:
"Governance and Informatione Technology: From Electronic Government to Information Government", Taschenbuch, MIT Press, 2007, ISBN-10: 0262633493.
"Useful Void: The Art of Forgetting in the Age of Ubiquitous Computing." KSG Faculty Research Working Paper Series RWP07-022, April 2007.
